Zwischen Thrakien und Vinprom

Hierzulande hat er sich eine Zeitlang ganz gut als hipper Pirat in Blindproben Bordelaiser Provenienzen gemacht. Ein bisserl Ostalgie lockert die ernsten Mienen der Connaisseurs einen Wimpernschlag lang auf. Manchmal schockiert sie gar, sorgt fur unglaubiges Kopfschutteln, erregt jedenfalls Aufmerksamkeit und Gemuter

Aufmerksamkeitsfenster jedoch sind heutzutage klein gezimmert und taugen kaum dafur, dass sich Erlebnisse langer im Bewusstsein der Verkoster eingraben. Schmale Schie?scharten sind’s, aus denen eben mal auf den Rest der Welt geschossen wird. Doch bleiben die meisten Pfeile in den Kochern der Schutzen. Das Erlebnis verrinnt, nachdem der Pfeil den Bogen verlassen hat. Die Schutzen ziehen weiter zur nachsten Scharte. In solch verdrie?licher Lage steckt der bulgarische Wein. Es gibt ihn, doch dann auch wieder nicht. Er hat kein Gesicht, versteckt sich im Durchschnitt der Massenweinproduktion und kommt doch allzu angestaubt daher, um neben der Konkurrenz aus der Neuen Welt bestehen zu konnen. In Bulgarien wirken agroindustrielle Betriebsstrukturen der Sowjetzeit bis heute nach: Kleine, klimatisch begunstigte Rebflachen an Hangen und Hugeln wurden zugunsten gigantischer Weinfelder – gleich neben Kartoffeln und Weizen – aufgegeben, hochwertige Lagen gerodet oder sich selbst uberlassen.

Kleinstbetriebe verschwanden und gingen im Staatsmonopol Vinprom auf. Dabei erstaunt es wenig, dass das notwendige Know-how von gro?en amerikanischen Kellereien kam. Bis zum vollstandigen Zusammenbruch der Sowjetunion galt bulgarischer Wein als gleicherma?en modern wie austauschbar und damit gesichtslos.

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